Forschung zum Spielen, Skulpturen zum Anfassen

Mainz. Die "Spektrale" ist eröffnet. Kunst trifft auf Wissenschaft, Farbe und Licht zeigen sich in ihrer ganzen Pacht - und ein Politiker feixt fröhlich am farbenprächtigen Eingang zur großen Ausstellung in der Rheingoldhalle. "Hier geht's durchs Grüne mitten ins Rote, das ist in Ordnung", erklärte Michael Ebling von der SPD dem Mainzer Bürgermeister Günter Beck von den Grünen.

Sicher gehörte die Interpretation des Staatssekretärs im Bildungsministerium zu den exotischsten auf der Vernissage. Aber sie zeigt, was diese bunte Schau auslöst: Spieltrieb, Staunen und einen Erkenntnisgewinn, der sich kribbelig anfühlt.

Da flimmert ein Blitz aus Starkstrom in einer Glaskugel. Mit der Hand kann der Besucher ihn anlocken. Das älteste Lebewesen der Welt ragt wie eine Glasnadel zwei Meter in die Höhe: 18 000 Jahre lebte dieser Schwamm. Und zwischen solchen Exponaten hängen Bilder, sind Filme zu sehen oder Skulpturen zu bewundern.

Für Georg Krausch, den Präsidenten der Johannes Gutenberg-Universität, ist die Ausstellung ein Höhepunkt dieses Jahres, in dem sich Mainz auf vielfältige Weise als Stadt der Wissenschaft präsentiert. "35 Künstler und etwa genauso viele Wissenschaftler haben diese Ausstellung vorbereitet", sagte er. "An der ein oder anderen Stelle darf man sogar spielen. Das macht richtig Spaß."

Die Kuratorinnen Susanne Marschall, Tanja Labs und Martina Stöppel führten vorab durch die Schau und machten die Zusammenhänge klar, die für den Besucher augenfällig sein werden. Immer paart sich das Werk eines Künstlers mit einem wissenschaftlichen Element. Fünf Themenräume gilt es zu durchlaufen, darunter die Finsternis mit Schwämmen. Ihr vielfältiges Leuchten wirkt erst mal am faszinierendsten.

Dieser Meinung ist auch der Künstler Marcel Bühler. Sein Werk, drei Mal eine große weiß-rote Sieben, von Leuchten umrahmt, hängt im hellen Raum der Erkenntnis gleich gegenüber den Nachbildungen berühmter Diamanten. Wie in einem Glücksspielautomaten leuchten die Ziffern, denn wie ein Glücksspiel erscheint Bühler das Geschäft mit der Kunst.

Die Verschränkung mit der Wissenschaft gefällt ihm sehr, schließlich wäre er selbst beinahe Ingenieur geworden. Doch ein wenig sehnsüchtig schaut er hinüber in die Finsternis: "Das wäre natürlich geiler für mich gewesen", seufzt er. Verständlich angesichts seiner prächtig leuchtenden "777".

Krausch experimentiert derweil an einem Lichttisch der Mainzer Fachhochschule. Je nachdem, wie er seinen bierdeckelgroßen blauen Marker darüber schiebt, leuchten über ihm blaue Lampen auf. Die Position auf dem Tisch spiegelt sich an der Decke. Dreht der Präsident den Marker, leuchten mehr Lampen auf, lässt er ihn mit einem fremden Marker kollidieren, mischen sich die Farben. So wird Wissenschaft auf der "Spektrale" auch für Kinder spiel- und spürbar.

Überhaupt gibt es viel zum Anfassen. Die lumineszierenden Skulpturen von Regine Schumann, grazile Gegenstücke zu den Schwämmen von Professor Werner Müller von der Mainzer Universitätsmedizin, wird wohl jeder betasten wollen. Und wer wird sich schon entgehen lassen, am "Surfer" auf einer Leinwand mathematische Formeln in dreidimensionale Objekte umzuwandeln?

Hier und da gerät die Kunst bei der "Spektrale" ein wenig ins Hintertreffen. Denn gerade wenn es darum geht, Erkenntnis deutlich, nachdrücklich und unverkrampft zu vermitteln, sind viele Wissenschaftler mittlerweile Fachleute. Die Kunst dagegen verlangt oft nach genauerem Hinsehen. Das allerdings tut sie still - wie etwa die Skulpturen von Vera Röhm aus ihrer Werkgruppe "Ergänzung": Ulmenholz und Acrylglas treffen aufeinander und bilden ein gegensätzliches Ganzes.

"Es ist experimentell, es ist erkenntnisreich", warb Bürgermeister Beck bei der Eröffnung für das Erlebnis "Spektrale". "Es steht ganz unter dem Motto: Mainz hat Wissenshunger. Und der wird hier befriedigt werden." Die Wissenschaft fiel auch ihm zuerst ins Auge. Nun sind die Besucher dran. Gerd Blase

Hinweis: Die Ausstellung ist bis 14. August in der Rheingoldhalle zu sehen, geöffnet von 10 bis 18 Uhr, Do. und Fr. bis 20 Uhr.

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