Mainz - Die Hand des Betrachters zuckt nervös. Schauen die Leute schon? Es wäre gut, umzublättern, schnell ein harmloseres Motiv zu finden. Das Herzt schlägt schneller, Röte steigt ins Gesicht.
Saskia Weiß lächelt. Sie weiß um solche Nöte, darauf kalkuliert die 25-Jährige. An der Fachhochschule Mainz hat sie Kommunikationsdesign studiert, dies ist ihre Diplomarbeit. Sie entwickelte eine Zeitschrift, ein "Magazin über Menschliches". Die erste Ausgabe beschäftigt sich mit der Scham. Als sie ihrer Professorin Isabel Naegele und den Kommilitonen die Arbeit vorstellte, projizierte sie das Bild vom Penis an die Wand - und ließ es ungewöhnlich lange stehen. Sie wollte Reaktionen sehen.
"Mich interessieren menschliche Gefühle, und die Scham ist ein wichtiges Gefühl, über das man allerdings wenig spricht", erzählt die gebürtige Ruhrpottlerin, die zum Studium nach Mainz kam. Weiß hat viel recherchiert zum Thema. So schaute sie Debatten zwischen Ethnologen und Soziologen durch, die sich bis heute streiten, ob Scham nun angeboren ist oder nicht. Bei der ausgedehnten Lektüre wurde eines schnell klar: Scham ist ein wichtiges gesellschaftliches Regulativ. "Aber sie ist je nach Kultur vollkommen unterschiedlich besetzt. Japanerinnen nehmen etwa eine Geräuschprinzessin mit auf die Toilette. Das ist ein kleines Radio, das alle Geräusche der Notdurft übertönt." Denn das soll in Japan niemand hören.
Im Selbstversuch testete Weiß die eigene Scham aus. Sie ging mit FKKlern kegeln. Ein Gruppenbild zeigt nackte Menschen verschiedenen Alters. Hinter einem Herrn schaut Weiß hervor - schamhaft. Die Zeitschrift enthält ihren Erlebnisbericht: "Ich lerne Hilde kennen. Sie gibt mir gleich ein gutes Gefühl und rät mir, es langsam angehen zu lassen." Daneben sind Bilder der Kegler in Aktion zu sehen, allerdings verfremdet, verschwommen. Voyeurismus möchte Weiß nicht bedienen.
"Ich wollte was machen, was ich auch Freunden und der Familie zeigen kann, womit jeder was anfangen kann." Hintergründe und Experimente, Bilder und Fotos zur Scham hat sie in ein Magazin gegossen, das bis auf den letzten Buchstaben raffiniert durchkomponiert ist: Den Umschlag ziert ein Feigenblatt, unter dem sich natürlich Peinliches verbirgt. Die Artikelüberschriften sind gestaucht, sie drücken sich am Seitenrand herum, als würden sie sich nicht in die Mitte trauen. Und die Seiten nach dem Riesenpenis erröten schamhaft in Aquarellfarben. "Aquarell habe ich verwendet, weil man das nie ganz unter Kontrolle hat." Genau wie das Erröten.
Scham ist eine moralische Bremse, eine Hüterin des Menschseins. Auch ein Zitat von Freud findet sich dazu im Magazin: "Abwesenheit von Scham ist ein sicheres Zeichen von Schwachsinn." Weiss ergänzt: "Ich glaube, ein Mal blamieren am Tag festigt den Charakter. Man gewinnt, wenn man sich in peinliche Situationen hineinwagt." Die 25-Jährige besuchte eine Website, auf der Männer ihre Penisse präsentieren. Dort chattete sie mit "Donald Dick", der sein bestes Teil bereitwillig für die Zeitschrift in Position brachte. "Mir war der Kontakt extrem unangenehm", gibt Weiß zu. Sie errötet leicht bei diesen und anderen Bemerkungen. "Das war im Diplom oft so. Ständig wurde ich rot." Wer die Scham erleidet, findet das unangenehm. Für den Betrachter allerdings wirkt ein errötender Mensch sympathisch, er strahlt Ehrlichkeit aus.
Auf den letzten Seiten wird die Zeitschrift grün. Grafiken zeigen eine Welt ohne Scham. Gierig greift der Banker nach dem Geld ... Weiß' Diplomarbeit beweist, wie universell die Scham ist. Die junge Frau blättert noch mal ihr Werk durch. Dann legt sie es auf den Tisch - geschlossen. Das Feigenblatt verdeckt jede Peinlichkeit. Der Riesenpenis ist Geschichte. Der Betrachter atmet auf. Gerd Blase