Mainz/Trier - An der Bushaltestelle gegenüber dem Mainzer Hilton liegt ein Mann. Als Nicole Blank den Körper im Dunkel der Nacht entdeckt, denkt sie erst an einen Betrunkenen. Doch dann erkennt die junge Frau, dass es sich um die übel zugerichtete Leiche eines Politikers handelt. Thomas Balzer, Chef der linken Partei für demokratischen Fortschritt (PFDF), ist tot. Polizei und Medien stürzen sich auf den Fall.
"Gier - Die fünfte Macht" heißt der späte Debütroman des gebürtigen Ostfriesen Karl-Georg Schroll, der sich jetzt, mit immerhin 66 Jahren, unter dem Pseudonym Emile Claasen, in den Reigen der Autoren wagt. "Mein zweiter Krimi ist schon fertig", erzählt Schroll am Telefon. Seine Energie ist selbst über die Leitung noch zu spüren. "Am dritten sitze ich gerade."
"Gier" beginnt wie so viele Regionalkrimis mit einem Mord in Mainz, doch er entwickelt sich auf den folgenden 300 Seiten zu entschieden mehr. Schroll schreibt über die Seilschaften in einer jungen linken Partei und über den Einfluss der Lobbyisten auf die Politik. Er schickt den 49-jährigen Journalisten Johann Wahlberg nach Mainz, einen langsam ergrauenden Typen, der sich immer noch Chancen bei jüngeren Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts ausrechnet. Wahlberg ist Schrolls Hauptfigur: energisch, kompetent, nicht übermäßig sympathisch und dabei zurückhaltend skizziert. "Es gibt schon zu viele schräge Ermittler in Krimis", meint der Autor, "ich wollte denen nicht noch einen hinzufügen." Lieber konzentriert sich Schroll auf Zusammenhänge und Verwicklungen: In der PFDF sehen viele die Möglichkeit zum schnellen Aufstieg, die Idealisten der ersten Stunde fühlen sich an den Rand gedrängt. Zugleich beobachtet man in Berlin das wachsende Machtpotenzial. Kreise gewinnen Einfluss, die so gar nichts mit der demokratischen Grundordnung am Hut haben.
Dieses Geflecht beschreibt Schroll mit leichter Hand, denn er weiß, wovon er berichtet. Er selbst war Mitarbeiter der der Bundestagsfraktion der Linken und meint: "Ich bin zwar nicht Politikverdrossen, aber ein wenig Linken-Verdrossen schon."
Vieles aus seinem Krimi hat er selbst so ähnlich erlebt und bekommt nun mit, wie Parteikollegen sich dadurch getroffen fühlen. "Dabei wollte ich nie einen Schlüsselroman schreiben." Strukturen wollte er aufzeigen in der Arbeit der Lobbyisten und der Parteikarrieristen, ob sie nun in Berlin oder Mainz sitzen, in der PFDF oder bei den Linken.
Genau das ist Schroll wunderbar gelungen. In Rückblicken beschreibt er, wie sich all das zusammenbraut, was Jahre später an einer Bushaltestelle endet. Und im Vordergrund ermittelt Wahlberg ...
Warum aber hat der Autor ausgerechnet Mainz als Schauplatz gewählt? Schroll studierte in Bremen, kümmerte sich um die Kulturplanung in Aurich, Bremen und Saarbrücken, war als freier Verkehrsplaner unterwegs und landete zuletzt in Trier, wo er auch journalistisch arbeitete. "Ich habe in meinem Leben in neun Bundesländern gelebt", erzählt er. "Mein Ziel ist es, in jedem Krimi eins davon zum Schauplatz zu machen." Mainz besuchte er in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter der Linken, deswegen spielt "Gier" hier. Schrolls zweiter Krimi "Schweigen - Im Namen Gottes" wird den Journalisten Wahlberg in den Süden führen. "Ich bin in Oberbayern aufgewachsen." Im dritten Buch geht es in den Norden nach Bremen.
Doch nun liegt erst Mal "Gier" in den Buchhandlungen. Auf die Leser wartet ein spannender Krimi, der tiefe Einblicke erlaubt in Parteienfilz und Lobbyarbeit. Fast wäre es sogar ein perfekter Roman geworden, hätte das Lektorat nicht so tüchtig geschlampt. Gerade einem Debüt hätte kompetente Hilfe gut getan. Aber egal: Ein aufregendes Buch ist Karl-Georg Schroll trotzdem gelungen.
Von unserem Mitarbeiter Gerd Blase
Emile Claasen: "Gier - Die fünfte Macht", Südwestbuch, 332 S., 12,50 Euro