Philosophie: Darf der gesunde Geist gedopt werden?

Mainz - Ein Philosophenstübchen unterm Dachstuhl, im schummrigen Licht sind die vollgestopften Bücherregale zu erkennen. Der Denker selbst sitzt am Schreibtisch zwischen Papierstapeln und verfasst ellenlange Essays, die nur andere Gelehrte verstehen. Wer mit dieser Vorstellung zum Philosophie-Professor Thomas Metzinger kommt, könnte womöglich überrascht sein.

  • Er ist ein Vordenker im Bereich philosophische Hirnforschung: Professor Thomas Metzinger von der Uni Mainz. Foto: dpa

    (Foto: dpa)

Sein Büro an der Mainzer Universität ist hell, modern und schlicht eingerichtet, neben dem aufgeräumten Schreibtisch steht eine große Couch, die man eher bei einem Psychologen erwarten würde. Zwar liegt vor ihm ein Buch über den "Sinn des Lebens" - aber das liest der Professor für Theoretische Philosophie hauptsächlich für die Vorbereitung auf ein Anfängerseminar, das er am Abend vor mehr als hundert Studenten halten muss.

In Metzingers Forschung geht es um ganz praxisnahe Fragen, etwa zum Verhältnis von Bewusstsein und Gehirn. Der 52-Jährige arbeitet unter anderem mit Neurowissenschaftlern zusammen. "Manche denken, mit Heidegger und Nietzsche hat die Philosophiegeschichte aufgehört", sagt er und sieht sein Fach in einer wichtigen Wandlung.

Je mehr die Menschen über die Funktion des Gehirns erfahren, umso drängender etwa werde die Frage nach dem Bewusstsein. Eine philosophische Frage, die aber in der Praxis alles andere als graue Theorie ist und neue ethische Probleme aufwirft. Etwa wenn es um Patienten im Wachkoma oder neue Medikamente zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit geht, erklärt Metzinger, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kognitionswissenschaft und Mitbegründer der internationalen Association for the Scientific Study of Consciousness (Gesellschaft für wissenschaftliche Bewusstseinsstudien).

Naturwissenschaftler hätten zwar eine Flut wichtiger Daten geliefert, aber keine theoretische Vision, kein generelles Modell, das die Erkenntnisse zusammenbringe. In seinem Buch "Der Ego-Tunnel" fordert Metzinger eine neue "Bewusstseinsethik", also Antworten auf die Frage "Was ist ein guter Bewusstseinszustand?" Metzinger meint, er sollte drei Bedingungen erfüllen: Leid minimieren, und zwar bei allen leidensfähigen Wesen, er sollte wenn möglich das Wissen erweitern und er sollte dazu führen, dass wir auch künftig weitere wertvolle Bewusstseinszustände erleben.

Zu einem ethischen Problem der Hirnforschung zählt das Gehirn-Doping, also wenn gesunde Menschen Medikamente gegen die Schlaflähmung oder gegen Aufmerksamkeitsstörungen schlucken, um im Beruf konzentrierter zu sein und länger wach bleiben zu können. In den USA sei das schon weit verbreitet, in Deutschland bislang die Ausnahme, sagt Metzinger. Dies werde aber womöglich nicht so bleiben: Solche Präparate seien relativ leicht zu beschaffen, etwa über Internet-Apotheken. Zudem sei die Pharmaindustrie sehr bemüht, Absatzchancen für neue Medikamente auszuloten.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass deutsche Studenten - neben üblichen Wachmachern wie Kaffee und Cola - nur zu etwa acht Prozent schon Koffeintabletten genommen haben, um in Prüfungen fit zu bleiben, dass aber die grundsätzliche Bereitschaft zum Einsatz solcher Medikamente hoch ist.

Metzinger interessiert auch die Frage, welche gesellschaftlichen Folgen Gehirn-Doping haben könnte, wenn es verfügbar und legal wäre sowie keine Nebenwirkungen hätte. Schon jetzt sei es für Pharma-Unternehmen interessant, "den gesunden Geist zu bewirtschaften", etwa mit Ginkgo-Präparaten, für die keine Wirkung nachgewiesen sei, die aber erfolgreich beworben und gut verkauft würden.

Andrea Löbbecke

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