Mainz - Andreas Rauscher (geboren 1973), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Filmwissenschaft der Uni Mainz, promovierte über Star Trek und beschäftigt sich mit dem amerikanischen Independent-Kino und den Verknüpfungen zwischen Film, TV, Internet und Videospielen. Die MRZ sprach mit ihm über den Serien-Kult:
Warum werden amerikanische Fernsehserien immer beliebter?
Die Qualität ist besser geworden. Das hat vermutlich mit den veränderten Produktionsbedingungen zu tun. Amerikanische Sender wie HBO produzieren Serien inzwischen mit der gleichen Sorgfalt wie Kinofilme. Häufig sind bei Serien auch bekannte Schauspieler und Regisseure dabei, etwa Anna Paquin bei "True Blood" oder Martin Scorsese bei "Boardwalk Empire".
Serien wie "The Wire" oder "Breaking Bad" wurden vom Feuilleton als neuer Gesellschaftsroman gefeiert. Stimmen Sie zu?
Ja. Diese sogenannten Quality-TV-Serien sind gut gemachte Gesellschafts- und Milieustudien. Manchmal sind sogar Krimiautoren die Drehbuchschreiber, etwa wie Richard Price bei "The Wire". Die Serien spielen meist mit den Genrekonventionen, es gibt ungewöhnliche Typenmuster. Und Handlung und Charaktere können sich über mehrere Staffeln entwickeln. Außerdem werden auch die Nebenfiguren mit Hintergründen ausgestattet. Mit so einem großen Ensemble kann man neue Identifikationsmuster anbieten. Früher hat man sich im Urlaub einen langen Roman vorgenommen, heute kauft man die Staffel einer guten Serie.
Gibt es typische Frauen- oder Männerserien?
Nicht mehr so sehr. Das klassische Bild wäre, dass "Sex and the City" eher was für Frauen ist, und Science-Fiction-Serien eher bei Männern beliebt sind. Die gutgemachten Serien sind aber oft Geschlechter übergreifend. Das Figuren-Ensemble ist meist so breit angelegt, dass für jeden etwas dabei ist, oft gibt es auch Elemente aus der Soap-Opera. Beliebt ist auch das Vampir-Motiv. Es wird ungefähr alle 20 Jahre neu variiert. Gerade ist es wieder im Trend. Die Vampir-Serien "True Blood" und "Vampire Diaries" sind dabei eine wichtige Ergänzung zum Kino.
Was ist typisch für eine Soap-Opera?
Das traditionelle Soap-Opera-Format ist etwa "Dallas" oder "Denver-Clan". Soap-Operas zeichnen sich durch eine simple Dramaturgie aus. Die Handlungsstränge werden nicht durch raffinierte Psychologisierung der Figuren bereichert. Es gibt meistens Stereotypen. Der Bösewicht etwa bleibt der Bösewicht.
Viele Leute besorgen sich gleich die ganze Staffel und schauen sie am Stück. Warum wartet man nicht auf die nächste Folge?
Ja. Es ist interessant, dass sich das Rezeptionsverhalten verändert. Bei vielen Serien wie etwa "Lost" oder "The Wire" sind die Handlungsstränge sehr komplex. Man schaut sich am besten mehrere Folgen am Stück an, sonst rücken wieder andere Figuren in den Mittelpunkt. Es fällt außerdem einigen schwer im Wochenabstand noch den Überblick zu behalten. Hinzu kommt: Das Fernsehen hat in den vergangenen Jahren enorm viel versäumt. Manche von den gefeierten Serien sind im deutschen Fernsehen gar nicht gelaufen. Aus Frust darüber, dass man die Serie nicht zu sehen bekommt, schauen die Leute DVD.
Wann hat die Fernsehserie einen Qualitätssprung gemacht?
Standards haben "Twin Peaks" und "Miami-Vice" in den 80er-Jahren gesetzt. "Twin Peaks" wurde unter anderem von Kinoregisseur David Lynch konzipiert. Das hat für Aufsehen gesorgt - auch bei Leuten, die eigentlich keine Serien schauen. Michael Mann, ebenfalls ein angesehener Kinoregisseur, war Produzent bei "Miami-Vice". In "Twin Peaks" wird das Genre selbst ironisiert: In der Serie schauen sich die Figuren immer eine Soap-Opera an.
Gibt es deutsche Serien, die von der Qualität her an die amerikanischen herankommen?
Wenige. Vielleicht "Polizeiruf 110". Im vergangenen Jahr lief auf Arte und später auch auf der ARD mit "Im Angesicht des Verbrechens" von Dominik Graf eine anspruchsvolle deutsche Serie.
Das Gespräch führte Andrea Wagenknecht