Mainz - Sie sind klitzeklein und meistens grün in schätzungsweise 300.000 Arten.
Sie sind essbar, protein-, öl- und fettreich, nahrhaft, robust, anpassungsfähig und vermehren sich durch Teilung bis zu vier Mal täglich. Sie brauchen dazu nur Wasser, Licht und Nahrung. Und als Nährstoff mögen sie besonders gerne Kohlendioxid: Die Algen. Wenn sie davon genug bekommen, sprießen, wachsen und gedeihen sie besonders gut.
"Chlorella sorokiniana", "Scenedesmus spec." oder "Desmodesmus spec." heißen die winzigen Multitalente, deren Fähigkeiten sich die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden langfristig zu Nutze machen wollen. Das Unternehmen unterstützt ein Forschungsprojekt der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Das hessische Forschungsteam experimentiert dazu auf der Ingelheimer Aue. Das Ziel: Man könnte das weltweit noch in viel zu großen Mengen ausgestoßene CO2 etwa aus den Abgasen von Kraftwerken heraustrennen und es den kleinen Organismen "zu fressen" geben. CCC - Carbon Capture and Conversion (Kohlenstoff binden und umwandeln) - heißt die Zauberformel. Dann kann man die Algen ernten und als Biomasse, etwa als Gärsubstrat in Biokraftwerken oder für die Herstellung von Biosprit, verwerten. Sie können jedoch auch in der Pharma- und Kosmetikindustrie als Lebens-, Dünge- oder Futtermittel verwendet werden.
Experiment auf der Aue
Das ist das Forschungsgebiet von Professor Dr. Stefan Gäth von der Universität Gießen. Und die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden (KMW) auf der Ingelheimer Aue fördern diese Grundlagenforschung und beteiligen sich als "realer Kraftwerkstandort" an diesem bundesweit einzigartigen Projekt, so KMW-Vorstand Ralf Schodlok. Die von dem Gießener Forschungsteam ausgewählten und besonders leistungsfähigen Algenarten wurden auf der Ingelheimer Aue "realen Bedingungen", also echtem Rauchgas aus dem dortigen Gas- und Dampfturbinenkraftwerk, ausgesetzt. Schodlok: "Auch RWE, Vattenfall oder Eon experimentieren mit Algen, doch deren Verfahren sind weder nachhaltig noch kostengünstig. Die KMW sind da ganz vorne."
Der Professor, Inhaber des Lehrstuhls für Abfall- und Ressourcenmanagement, erklärt: "Eine Tonne Algen bindet zwei Tonnen Kohlendioxid und bildet 20 bis 30 mal mehr Biomasse als beispielsweise Mais oder Raps. Algen binden mehr Kohlendioxid als alle Landpflanzen."
In Kreisen der Kohlekraftwerksgegner wird allerdings befürchtet, dieses Projekt könne ein Indiz dafür sein, dass die KMW-Kohlekraftwerkspläne doch noch nicht beerdigt sind. Denn gerade mit Blick auf einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie könnte der Bedarf an konventionellen Kraftwerken wieder steigen - und die den KMW erteilte Baugenehmigung auf der Aue habe nach wie vor Bestand.
"Völliger Unsinn", sagt KMW-Sprecher Michael Theurer. Das Algenprojekt habe mit den alten Plänen für das Kohlekraftwerk nicht das geringste zu tun. "Die Kohlekraftwerkspläne ruhen nach wie vor. Wir prüfen den Bau eines Gaskraftwerks." Jochen Dietz