Eine Handschrift, älter als der Mainzer Dom

Mainz - Sensationsfund in der Martinus-Bibliothek: Ein Fragment aus dem 9. Jahrhundert entpuppt sich als ein Exemplar eines Werks des Mainzer Erzbischofs Hrabanus Maurus.

  • Der Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus fasste das Wissen seiner Zeit auf mehr als 500 Seiten zusammen. Das Fragment einer Abschrift zu seinen Lebzeiten im 9. Jahrhundert überdauerte in der Martinus-Bibliothek: Zerschnitten und als Einband für ein im 16. Jahrhundert gedrucktes Buch.

    (Foto: Harry Braun)

Wie Bergleute im Stollen der Gelehrsamkeit kamen sie sich irgendwann vor. Mit vom Staub schwarzen Fingern "gruben" sich die Experten wochenlang immer tiefer in die alten Bestände der Bischöflichen Martinus-Bibliothek in der Altstadt. Eigentlich suchten sie etwas ganz anderes.

Einband weckt das Interesse

Doch dann - die für das Forschungsprojekt in Frage kommenden 30.000 Bände waren fast alle schon gesichtet - tut sich im November 2010 eine Goldader auf: Der Mainzer Buchwissenschaftlicher Franz Stephan Pelgen hält einen Band aus dem 16. Jahrhundert in den Händen. Der Inhalt ist eher uninteressant. Aber der Einband!

Vorsichtig abgelöst, entpuppt sich das von Hand beschriebene Pergament als Doppelseite eines lateinischen Standardwerks vom Mainzer Erzbischof Hrabanus Maurus aus dem 9. Jahrhundert - zwar nicht von eigener Hand, aber eine Abschrift vermutlich noch zu seinen Lebzeiten und damit älter als der Dom, dessen Bau kurz vor dem Jahr 1000 begann.

Außergewöhnlicher Fund

Selbst für die Martinus-Bibliothek, die viele alte Schätze beherbergt, ist der Fund außergewöhnlich. "Auch für mich ist es ein besonderes Erlebnis, Hrabanus Maurus so ,hautnah' zu begegnen", sagt Direktor Helmut Hinkel. Aus dem 9. Jahrhundert hat sein Haus außerdem noch 1,5 vollständige Handschriften.

"Beim bloßen Reinlesen dachte ich zuerst an ein römisches Kochbuch", erzählt Pelgen. Denn die mit akkuratem Federstrich gezogenen Vorläufer unserer Kleinbuchstaben - sogenannte Karolingische Minuskeln - berichten von Speisen, Trinken und Esskultur. Beim Vergleich der Textpassagen mit Werken der Zeit stellte sich aber heraus: Das Fragment stammt aus dem mehr als 500 Seiten starken Werk "De rerum naturis" (Von der Natur der Dinge), in dem Hrabanus Maurus das gesamte weltliche und religiöse Wissen seiner Zeit zusammengefasst hat.

Regelrechte Verbreitungsmaschinerie

Christoph Winterer vom "Handschriftencensus Rheinland-Pfalz" an der Gutenberg-Universität ist nach eingehender Prüfung überzeugt: "Das ist eine Handschrift, die von Hrabanus Maurus selbst angestoßen wurde. Er hatte eine regelrechte Verbreitungsmaschinerie in Gang gesetzt."

Zu verdanken ist das Werk einer ungeplanten Auszeit des um 780 in Mainz geborenen gelehrten Mönchs: Nach 20 Jahren als Abt des Klosters Fulda wurde er wegen Unstimmigkeiten mit weltlichen Herrschern abgesetzt. In der heute St. Lioba genannten Kirche auf dem Petersberg schrieb Maurus seine Enzyklopädie und ließ sie in Klöstern abschreiben. Ein Exemplar schenkte er König Ludwig dem Deutschen, der ihn später zum Erzbischof von Mainz erhob.

Per Zufall in die Bibliothek

Doch wie kommt das Fragment in die Martinus-Bibliothek? Zufall, sagt Direktor Hinkel. Jahrhunderte später, ein noch berühmterer Sohn der Stadt hatte inzwischen den Druck erfunden, vervielfachte sich die Buchproduktion. Die alten, unverwüstlichen Pergamente aus Tierhaut wurden häufig zerschnitten und als Einband für Papierbücher verwendet - so auch bei jenem Werk über antike Tempel, das der Mainzer Gelehrte Stephan Alexander Würdtwein im 18. Jahrhundert seiner Sammlung hinzufügte. Nach seinem Tode kam sie an die Martinus-Bibliothek.

Wann die Mainzer das kostbare Fragment zu sehen bekommen, steht noch nicht fest. Zwar überdauert Pergament mühelos mehr als 1100 Jahre. Die Schrift jedoch ist lichtempfindlich.

Zur Person: Hrabanus Maurus wird um 780 in einer Mainzer Adelsfamilie geboren. Er studiert am Benediktinerkloster in Fulda und glänzt als Gelehrter am Hof Karls des Großen. Nach Studien in Frankreich leitet er die Klosterschule in Fulda und ist ab 822 dort Abt. Maurus gilt als wichtiger Denker der Karolingerzeit. Mit 67 Jahren wird er Mainzer Erzbischof. Hrabanus stirbt am 4. Februar 856 und wird im Stift St. Alban beigesetzt. Sein heutiges Grab ist unbekannt.

Von unserer Redakteurin Claudia Renner

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