Wirtschaftswachstum: Gut, böse oder einfach Tatsache?

Mainz - Elf Uhr morgens ist halt früh am Tag, wenn man in der Nacht vorher  mit Hiphopper Dendemann gefeiert hat.

  • "Rien ne va plus - Nichts geht mehr" lautet das Motto beim Ohr 2011. Nur für den Fall, dass es einer noch nicht mitbekommen hat.

    (Foto: Michael Bellaire)

Das war ein bisschen schade für das erste Sonntagspodium auf dem Open Ohr, Thema: "Das Märchen vom Aufschwung". Zu späterer Stunde wären wohl mehr als nur rund 60 Zuhörer gekommen.       

Wobei es weniger um den Begriff des Aufschwungs ging, sondern um die Frage nach dem Wirtschaftswachstum und seinen Grenzen. "Der Maßstab des Wirtschaftswachstums sagt überhaupt nichts darüber aus, wie lebenswert eine Gesellschaft wirklich ist": Dieses Zitat der Grünen-Politikerin und Präsidentin des evangelischen Kirchentags Katrin Göring-Eckardt speiste MRZ-Redakteur Joachim Knapp als Moderator in die Debatte ein.     

Wir müssen uns von der "Fixierung" auf ein immer weiter wachsendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) lösen. Das forderte die frühere Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Natuschutz (BUND), Angelika Zahrnt. Sie formulierte damit die weitestgehende Wachstumsskritik. "Das Wachstum hat die Versprechen nicht gehalten."

Ex-BUND-Chefin: Materieller Wohlstand ist nicht alles  

Etwa seit den 1970er-Jahren würden die Menschen durch immer mehr wirtschaftlichen Wohlstand persönlich nicht glücklicher, sagte Zahrnt. Trotz BIP-Wachstum seien immer noch drei Millionen Menschen arbeitslos, steigt die Staatsverschuldung, wird die Umwelt geschädigt und sterben ständig Arten aus.

Die Klimaziele der Rio-Konferenz habe Deutschland nur erreicht, weil die ehemalige DDR-Industrie zusammenbrach. "Es ist eine Illusion zu glauben, dass es in einer endlichen Welt unendliches Wachstum geben könnte", sagte Zahrnt. Vielmehr müsse überlegt werden, wie die entwickelten Industrieländer ohne weiteres BIP-Wachstum auskommen, dafür aber mehr soziales Wachstum erreichen.

Stiftungsvorstand: Nicht das Ob, das Wie zählt   

Dem widersprach am schärfsten der Vorstand der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks. "Nicht-Wachstum löst kein einziges Problem!" Bis 2050 werde die Welt eine "Periode des stürmischsten Wirtschaftswachstums" erleben, allein weil die Bevölkerung von sieben auf neun Milliarden wächst. Bisher im Elend lebende Menschen hätten ein Recht darauf, Wachstum und Wohlstand nachzuholen.

"Es geht nicht darum ob, sondern wie die Wirtschaft wächst", so Fücks. Nötig sei eine  "Effizienzrevolution", aus weniger Material mehr zu machen, und die Wende von fossilen Energiequellen hin zu Sonne und Wind. "Das ist keine Utopie."Fücks verwies auf existierende Null-Energie-Häuser und die nicht ausgeschöpften Möglichkeiten der Sonnenenergie. "Man muss das Auto neu erfinden, wenn man es nicht abschaffen will. Denn das halte ich für eine Illusion."  

Wissenschaftler: Industrienationen wachsen nur noch langsam

Zwei interessante Hinweise kam von dem Politologen Kay Bourcade, Leiter des Instituts für Wachstumsforschung: Wenn Regierungen zwei bis drei Prozent jährliches Wachstum erwarten, sei dies für entwickelte Industriestaaten völlig unrealistisch. Volkswirtschaften wachsen nicht exponentiell wie Bankguthaben, also mit Zinsen und Zinseszinsen. In Wirklichkeit steige das BIP linear um etwa den gleichen Betrag pro Jahr. Zwangsläufig sinke so der Prozentwert des Wachstums.

Bourcade stellte auch die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit. Seit der Wiedervereinigung sei das deutsche BIP um 30 Prozent oder 450 Milliarden Euro gestiegen. Die große Mehrheit der Bevölkerung habe aber nicht an Kaufkraft gewonnen. "Denen, die diese Milliarden mehr haben, müsste man mal sagen: Begnügt euch mit dem, was ihr habt."

Finanzminister: Energiewende birgt Potenzial       

Der rheinland-pfälzische Finanzminister Carsten Kühl, dem als Regierungsvertreter  wohl die Rolle des Wachstumsverteidigers zugedacht war, zeigte sich jedoch keineswegs als unkritischer Anwalt von Wachstum im herkömmlichen Sinn. Dass mehr BIP nicht automatisch mehr Wohlstand bedeute, sei schon sei Jahrzehnten bekannt, sagte der Sozialdemokrat. Deshalb würden derzeit Kriterien für einen auf den Menschen bezogenen Entwicklungs-Index erarbeitet, der Faktoren wie Lebenserwartung und  Bildungsstand einbezieht. 

Trotzdem: "Ohne Wachstum geht es nicht", betonte Kühl. Der Staat brauche die Steuereinnahmen, um wachsende Sozialleistungen wie die Renten der alternden Gesellschaft zu  bezahlen, gute Bildung zu garantieren und bereits entstandene Umweltschäden zu reparieren. Kühl zeigte sich optimistisch,  dass der jetzt beschlossene Atomausstieg und die Energiewende ein "unglaubliches  Wachstumspotenzial" freisetzen werden, im Sinne eines "ökologisch vernünftigen" Wachstums.  Claudia Renner

 

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